Nachruf auf Viking, den Leithund

31. Dezember 2006

Schlaf Viking, schlaf den endgültigen Schlaf, der uns allen mal bevorsteht.

Gedanken während des Abschieds von einem legendären Samojeden

Er liegt vor mir, schläft ein, zum letzten mal. Ein starkes Gefühl der Verbundenheit hält mich noch zusammen. Tausend Momente und Geschichten jagen durch meinen Kopf.

Seit Viking je an Rennen teilgenommen hatte, holte ich ihn vor der Heimreise immer nochmals aus der Box raus und anlässlich dieser lästigen Zeremonie während der Siegerehrung von hundert Kategorien, nach zwanzig Nationalhymnen und zehn speziellen Danksagungen musste er auf so ein blödes Podest stehen. Rechts ein Gröni, liinks ein Malamute, oder links ein weit aussen verwandter Sammy, rechts die heisse weisse Rakete, eine Secondo-Norwegerin.
Von mehr oder weniger übel riechenden Händen wurde meinem Leithund dort dann die Medaille durch eine lokale VIP über die Ohren gestreift, viermal international Gold, einmal Silber, in der Schweiz waren’s in der ersten Saison drei lausig am Bändel befestigte Silberstücke, anschliessend jedesmal goldfarbene, ebenso lausig befestigt. Viking liess dieses Ritual immer stoisch über sich ergehen.

Schlaf Viking, schlaf.

Er hat mir nach diesen Platzierungen oft mit seinem coolen Gesichtsausdruck vermittelt: „Hey bleib auf dem Boden, angesichts der miserablen Konkurrenz ist dieser Sieg hier keine Kunst, wir haben doch einfach nur Gas gegeben. Weisst du, während des Rennlaufes dumm rumstehen, an Fotostative pissen und schön aussehen wie die frisch geföhnten Showdogsamojeden ist nicht mein Ding. Grönländer und Malamuten sind ganz ok, aber deren Musher sind nichts Wert wenn es bergauf geht, und wenn Du hinten nur ein wenig deinen Schlitten schiebst ohne gleich zu ersticken, dann erwarte ich nichts anderes als dass wir gewinnen, alles klar hey Alter?!“

Er musste es wissen. Viking mit seiner Schwester Zara und seinem Cousin Wuffel, zu dritt in der Vierhundekategorie, haben an der EM 2009 in Kandersteg im letzten Lauf einen 15-Sekunden-Rückstand in einen 6-Sekunden-Vorsprung gedreht. Unser „Gegner“, das bisher schnellste Grönländergespann Europas, hat auf den wenigen Aufwärtsmetern der Strecke schlapp gemacht, Teer in der Lunge des Mushers sei Dank.
Die gleichen deutschen Grönländer haben wir an der WM in Oberwiesenthal am Schlussaufstieg, diesmal happige nicht nur gefühlte 100 Höhenmeter, wieder abgehängt, nachdem sie uns auf der rasanten Abfahrt eine Minute abgenommen und ihre Nasen schon an meinem Hintern geputzt hatten.
An der EM in Campo Felice holten wir ein Jahr später zu dritt im Nassschneesumpf gegen die polnischen Gröni-Kraftprotze „nur“ eine kitschige Silbermedaille, hervorragend dort war aber das Abbruzzenbier, der luftgetrocknete Parmaschinken und unser mitgebrachtes Racelette mit der Schweizer Delegation.
In der 6-Hunde-Kategorie liessen wir dann 2014 an der WM in der Kälte von Kandersteg die gleichen polnischen Grönis stehen, es hätte zu einem Schnapskaffee im Ruedihus des Hotel Doldenhorn gereicht. In Scharnitz 2015 waren wir wieder vorne weg, der junge Pole tut mir heute noch leid, bei denen geht es um viel vom Staat gesponsertes Geld.

Ja genau übrigens, worum geht es eigentlich bei uns Musherinnen und Mushern?

Ein Stück Gadmer Käse, sieben Bündner Trockennussstängeli, eine Garnitur Victorinox-Messer samt Einsiedler Huskyheilgenkerze, Ende Saison je nach fleissiger Rennteilnahme ein Gramm Gold… nein, es geht nicht um Materielles.
Es geht darum, unseren Hunden, die so gezüchtet wurden, dass sie im Kopf einen „desire to go“ haben, das Davonrennen zu ermöglichen, dorthin, wo der Musher oder die Musherin es will.
Davonrennen. So habe ich das von der damaligen Präsidentin des SKNH – sie war selber als Malamute-Halterin regelmässig auf dem Schlitten anzutreffen – am Telefon erklärt bekommen. „Abseggle. Treten Sie in den Schlittenhunde-Sportklub ein und trainieren Sie, Ihr Nordischer ist kein Kuscheltier!“

Davonrennen. Sie tun dies, obwohl sie von einem lästigen Zuggeschirr eingeengt werden. Sie tun es, obwohl sie von Artgenossen zur Rechten oder Linken vollgesabbert werden. Sie rennen, auch wenn sie vor lauter zurückspritzendem Schnee der vor ihnen Laufenden nichts mehr sehen. Schlimmstenfalls müssen sie einen übergewichtigen Overall, der hinten auf dem neuesten Alu-Karbon-Techno-Rennkufending steht, über die Piste schleppen, auch dann geben sie ihr Bestes.

Davonrennen. Sie tun dies, weil sie Generation für Generation auf diese Eigenschaft hin gezüchtet worden sind. Manch angekörter reinrassiger Papier-, Husky sieht aus wie das Kind einer Windhündin, die sich im läufigen Nordlicht schwach geworden, in einen Huskyzwinger verirrt hatte. Reinrassig.

Viking, der 12-jährige Samojede liegt vor mir und unterdessen ist er für immer eingeschlafen. Ich kraule traurig im Fell des entspannten Hundekörpers.

Vor 13 Jahren hatte ich beschlossen, im „reinrassigen“ Husky-Zirkus nicht mehr mitzumachen. In der Annahme, dass man Windhunde nicht mit Samojeden kreuzen kann, ohne dass dies ziemlich stark auffällt, wollte ich nochmals einen „ehrlichen“ Reinrassigen, aus dem das Davonrennen herausgezüchtet, nicht eingekreuzt worden war. Was von Schweizer SKNH-Züchtern dazu im Angebot stand, konnte man an den SSK-Rennen bestaunen: gemütlich vor sich hintrabende Schönheits-Champions oder deren Nachwuchs lächelten nach dem ersten Kilometer mit den Zuschauern um die Wette, schnüffelten sich mit durchhängender Zugleine gemütlich ins Ziel, keine Chance, den Grönländern und Malamuten in der gleichen Kategorie das Wasser zu reichen. Ganz anders eine deutsche und eine norwegische Linie, deren Vertreter noch im Zieleinlauf galoppierten, als ob sie gerade gestartet wären. Davonrennen vom Feinsten.

So fand ich Viking, seine Schwester Zara und seinen Cousin Wuffel in einem Vorort von Oslo. Alle drei in der gleichen SAS-Maschine in die Schweiz ausgeschafft, bestritten sie in der darauffolgenden Saision die ersten Rennen mit grossem Erfolg.
Da noch andere Musher die gleiche Idee hatten, zeichnet sich seither die Schweizer Samojedenszene aus durch Hunde mit Migrationshintergrund, die davonrennen bis ins Ziel. Und daneben gibt es Samojeden, die schön aussehen, aber das ist ein anderes Thema, zum Davonrennen.
Wuffel, ausgestattet mit kanadischen und norwegischen Genen, Cousin von Viking, wurde mehrfacher Vater, sein F-Wurf durfte bei Onkel Viking in die Lehre und unter seiner Leitung wurde die Familie im Sechsergespann zweimal Weltmeister.

Ja Viking, schlaf weiter, ich weiss. Ich bleib auf dem Boden. Das waren keine Weltmeisterschaften. Wenn ein Musher mit Argentinischem Pass mit ausgeliehenen deutschen Hunden an einem europäischen Rennen mitmacht, wird daraus keine Weltmeisterschaft. Und ich weiss, bei den Sammies, Mutten und Grönis geht’s höchstens um Sekunden, nicht um Zehntelssekunden wie bei den Huskies, geschweige denn um Hundertstel wie bei den Hundeschlitten-Hunden, den Sans-Papiers.

Ja, das ist alles nicht so wichtig jetzt. Schlafen, endlich schlafen. Wir hatten eine wunderbare gemeinsame Zeit, danke. Nochmals kommen die Bilder hoch. Zusammen davonrennen. Für uns beide gab es nur Vollgas oder nichts. Im Zwinger ein Langweiler, mässig hübsch. Sitz? Platz? Gib s’Pföötli? ja was denn, geht’s noch?!
Das pure Gegenteil im Training, erst recht am Rennen: Countryrockmusik, Ländler oder Helene Fischer und tüt, dann tütütütütü während der Alte hinten ruft 5,4,3,2,1, go! Bei der ersten Abzweigung rechts! dann links!
Alles andere interessierte dich nicht.
Ach so stimmt, da war doch mal links auf dem Podest diese wuschlige weisse Rakete, eine höllisch attraktive Samojedin, Secondo-Norwegerin, dann die tolle Nacht im Wallis.

Schlaf Viking, schlaf, schlaf davon. Wir kommen nach, einer nach dem anderen, endgültig.