Impressionen einer Schlitten­hunde-Weltmeister­schaft

6. März 2015

Je suis, nous sommes …

Mittwoch 18. Februar 2015, Ankunft 13:15, eingangs  Scharnitz links beim Startgelände, wo sich lauter Austrianummern schon hingestellt haben, werde ich höflich durchgewinkt, “wiefiele hundee ? seegs, ja foans bitte weeitea“, gefühlte 30 Grad plus, immerhin wäre gemäss Kalender Winter, es riecht aber nach Silofutter. Wir kennen das von Kandersteg. Dort riecht das Silofutter, wenn null plus herrscht. „Bitte weeitea“, ich glaubs ja nicht, es erscheint das rot durchgestrichene Ortsschild Scharnitz nach gefühlten 2 km durch tiefen braunen Sumpf, überall zwitschern die Frühlingsvögel von den Bäumen, aha, das wird speziell, das Rennen wird wohl beim Aufheizen vor dem Start entschieden…. „Woatensmal bis der Tracccktoa da is (Traktor, kurze Betonung auf dem „a“, krachendes „k“), dann weardens reingezogen.“

Ich montiere die Ketten, der Silofutterbauer ist grad beim Mittagsschlaf, und ziehe meine Alubüchse mit Diesel-PS in den Matsch. Scheints hat ein anderer Scharnitzer Bauer den bisher üblichen Stakeoutplatz kurzfristig per Lösegeldforderung verunmöglicht, geht später das Gerücht. Die Reviere sind deshalb eng, denn es müssen ja Durchgangswege offengelassen werden für die Gespanne („i schigg jeeden hoam, dea hiea den weeg mit seina staiggaut faspearrt“). Dann von hinten ein heulender Kleinlaster, Starmusher Surovkas Doghandler platzieren dessen Karre standesgemäss, nachdem alles installiert ist kommt der Chef in Begleitung  seiner Highheel-Lederpuppe und begutachtet die Szene.

Viel Zeit, bei Schutzfaktor 50 im Strandklappstuhl die Dinge, die passieren einzuatmen.

 

Französische Wildgänse

Ich bin offenbar mitten in ein Nest von schnatternden französischen Wildgänsen geraten. Neben mir wortführert ein bretonischer Musher, Rudelchef seiner 10 –köpfigen Doghandlermeute; wie sich später herausstellen sollte sind die Kinder, Enkel und Neffen mitgekommen, um je einen dieser spitzohrigen Hautundknochenhuskies an den Start zu begleiten, bzw. sich dorthin zerren zu lassen. Auf der anderen Seite ein F-Doppelachsanhänger, jungdynamische Familie, Papa zeigt seinen Kindern im Sinne einer Erklärung meine Hunde, „eh salut toi, c’est quoi, des Samojèdes? (was denn sonst? Schafe?)  On vient du département de Sarthe, vingt-quatre heures driving.“  Driving sagt er, mit  beiden Händen pantomimisch an einem Steuerrad drehend.

„Wir driving aus dem Valais und Suisse, nun fast alle da, moi aussi je suis Scharnitz!“ „aaah, je t’connais, champion, Ghaanderstegg deuxmillequatorze, enh?“

Jaa, ok, je suis champion, und warum bin ich eigentlich Scharnitz?

Mit Leithund Viking zum Drittenmal champion werden? Oder einfach, um ein cooles VS- Bio-Racelette und vier Tage lang drumherum anstelle von Studen, Lenk, Kandersteg, Splügen, San Bernardino oder Mosses mal etwas anderes zu erleben?

 

Je suis…

Die Sonne brennt, die Luft ist heiss und es schnattert französich weiter, wäre ich doch zu Hause geblieben, übermorgen in Gadmen gemütlich den Wohnwagen hinstellen, salüzäme…, sälü Öööli wigetzdär, Chääsbrääätel… Was soll das hier, WM, Kategorie B2, Schweizer Gerber gegen einen Polen, eine Polin, einen weiteren Polen und eine Norwegerin!? WELT-Meisterschaft, WSA, 20 Jahre WORLD Sleddog Association, warum denn nicht EUROPEAN um Hundes Willen? Denen, die es genau wissen wollen zu Hause muss ich ja immer erklären, dass EIGENTLICH dies trotzdem eine WM ist, d.h. insofern, wie bei der Ski-WM, als natürlich (à propos Hitze) auch Ägypter starten könnten. Aber (à propos Spitzohrhautundknochenhuskies) es auch für die Ägypter gelte, dass sie hier auf keinen Fall mit ihren Egyptian-Hounds, die bekanntlich extra für den Hundeschlittensport aus den sehr schnellen Ur-Pyramidenkamelhunden gezüchtet worden sind, mitmachen dürfen! Nur rassenrein und der Pass des Mushers sei entscheidend, und ja, jetzt wo du nachfragst, es hat in den 20 Jahren WSA noch nie eine WM in Übersee gegeben, ich wüsste ehrlich auch nicht, wie meine 6 Sammies nach Beaver Creek, Sapporo oder Fairbanks zu transferieren. WM Todtmoss und Bernau? Jaa, dort ist aber Hundeschlitten-WM, es werden dort von allerlei Hunden Schlitten gezogen, bei uns werden Schlitten von rassenreinen Schlittenhunden gezogen. Einer mit 8 Samojeden? Ja den kenn ich, der ist bei der FISTC Weltmeister. Bei IFSS gibt es Kategorie reinrassig? Weiss ich gar nicht, aber das ist nun wirklich sehr kompliziert, hör auf zu fragen, freu Dich doch einfach, dass dein alter Onkel an einem internationalen Rennen teilnimmt, ziemlich zufällig sind da gerade niemand anders dabei als diejenigen, die auf der Startliste drauf sind. Und freu Dich, wenn er denn vielleicht gewinnt Dein alter Onkel, Erster von fünf.

Ojesses! Die Luft schnattert weiter je suis Scharnitz, mein mentaler Zustand zeigt aber überhaupt nicht nach oben! Da schickt mir ein Teufelchen zu allem noch den Rossi ins Gehirn.

 

Hey, mental vorbereiten jetzt, hopp!

Kennt Ihr das geniale Büchlein „Husky-Power – Trainingslehre für Schlittenhunde“ von Piero Rossi 1993? Musher Rossi, damals von Beruf Psychologe, 1991 Vier-Hunde-Europameister mit 3 spitzohrigen (eigentlich genau solchen, wie sie heute neben mir unlimited herumstehen) und einem schlappohrigen Alaskan Husky – also der Rossi, der weiss genau, wie man Weltmeister wird. Neben allen guten Tips, die wirklich brauchbar sind, erinnere ich mich an das Kapitel über den mentalen Zustand des Mushers. Der übertrage sich auf die Hunde, ohne die richtige Einstellung gehe es nicht, die Hunde spürten jede Gemütsregung ihres Chefs, wer gewinnen wolle, müsse aufs Ganze gehen, das sei halt so, das Mentale eben, energetisch ….

Ein Musherkollege hat mich dann anno 1995 aufgeklärt, wie sich Rossi jeweils vorbereitet habe: mit einem Schwefelzündhölzchen am After der Hunde den Kackreflex auslösen, damit man mal sicher unterwegs diese dummen Sekunden nicht verliert. Voll energetisch-mental, immer das Siegerpodest vor Augen, alles dransetzen, du willst gewinnen!

Je suis champion, soll ich nun meine Sammies rasieren, angesichts der herrschenden Badehosentemperaturen? Schwefelhölzer dabei?

 

Nous sommes …

Zwei weitere Fahrzeuge sumpfen auf das Gelände, 4WD, Kupplungen stinken:

Dita und René, Ruedi und Karin, äusserst knapp gelingt es, sich so zu platzieren, dass jetzt direkt schon Schweizer Heimat entsteht, ein 4-, zwei weniger-als 4-Hündeler kommen dazu und melden, dass 100 m weiter vorne auf dem Fussballplatz auch so eine Helvetia-Ecke entstanden sei; schön!, die WSA-WM-Inszenierung findet statt, maintenant, nous sommes!

Und an alle daheimgebliebenen Insider: wir haben voll mitgezeichnet an der Karikatur, und uns dabei köstlich amüsiert, schaut die Laufzeiten genau an, aber nehmt bitte unsere Rang-Resultate nicht allzu ernst. Und erzählt es niemandem so weiter, wie es eigentlich ist, die wollen das nicht hören. Im Oberwallis werde ich gefeiert wie ein Weltmeister. Keiner stellt die Fragen an den alten Onkel. Die wollen Helden und woaw, was für Helden sind wir doch!

Wir haben alle das Scharnitzdiplom mit Medaille gewonnen. Das schaffst Du nie in der Schweiz, denn Scharnitz 2015-Bedingungen zu managen ist bereits eine heldenhaft- weltmeisterliche Leistung! Jede und jeder, die/der hier seine Hunde im Gespann (nicht wie die superintelligenten Ego-Psychos im Fahrzeug) 600 Meter im Gegenverkehr über den Einfädeltrail an den Start bringt, sein Gespann anschliessend über den wunderschönen, erstaunlich kompakten Trail über Pfluderschnee in der Sonne und über beinharte Abfahrten im Wald musht, hat hier gewonnen! Wenn keine Podestmedaille, dann mindestens…

 

…Erfahrungen

Danlerschlittensackreissverschlüsse gehen kaputt! (René).Schilder vor Abzweigungen gelten! (Jörer) Schlittenkufen richtig waxen! (Karin). Junioren aerodynamischere Helme tragen, 3 Sekunden sind ja nix und doch zu viel! (Sirin). Wer nicht an der Stake-Out Scheisst, scheisst auf der Strecke!(Viking). Malamutskies wissen es schon lange: Grönsky-Linien sind trendsky, bzw. „le dernier cri“! (C2). Racelette eint die Nationalmannschaft (alle, bravo!). Wer ohne Handschuhe einem Hund nach dem anderen das Maul öffnet, ist Virus- und Bakterienmigros (GrossverteilerinVet.nett im Originalton: „Bei deinen Semmies woa i sea besoagt, dass sie vielleicht blau sein wüadn, is abe eschtaunlich wie dia bei fuchzehn grad noch fit soan!“). Der Nachtlauf der MD-ler war ein Höhepunkt, dann die drei Tages-Läufe vor gefühlten 53 Zuschauern, beim Start und Ziel in einer Ambiance vergleichbar mit der Klubmeisterschaft des Tischtennisvereins Haselweid: Im Startgelände stehen drei Musherzubehörfummelstände mit Euro-Schnäppchen, ein Fleisch-, Brot- und Käsestand, ein Alkoholikerfixerstübli und ein Hotdogstand, weiter vorne der ins Mikrofon spuckende fantasieloser Speaker (wofür macht man zu Hause eigentlich „Angaben für den Speaker“?), auf der Strecke ab und zu ein am Boden liegender Fotograf und in Deinem Kopf Die innere Stimme… Jaja lieber Musher, liebe Musherin, du bist nur für dich selber unterwegs, für dich und deine Schätzchen, gibst deines und sie geben ihr Vollgas, alles andere ist unwichtig. Es sind je nach Kategorie und Tempo deines Gespanns drei kürzere oder längere Momente dieses tollen Gefühls, das nur die Insider nachvollziehen können, diesen Cocktail aus Adrenalin, Endorphin und was auch immer noch, keine Droge schafft das, aber es passiert immer wieder, sei es zu Hause im Training, in Kandersteg, Studen oder anderswo.

 

Dann war wohl garnix anders in Scharnitz als woanders?

Nein nein schon nicht, es war ein internationales Rennen in 3 Läufen, ach ja, mit einem wie immer schrägen Einmarsch der von der ganzen Welt Europas zusammengetrommelten Nationen, hinter der Jägerklamotten-Dorfmusik, Estland war zum ersten Mal dabei, die Scharnitzer Platterl (Lederhosen- und Oberschenkelklatscher- Buobn und -Mädchen) tanzten in perfekter Vorstellung, die Russen wie immer mit hupenden Fahnen peinlich, die Reden wie immer peinlich (Chef WSA sinngemäss am Anfang: „nur Vierbeiner sind treu“, schluchzschneuz, und am Schluss: „nur wer nichts tut kann keine Fehler machen“, bedeutungsvollstirnrunzel), das Dinner in einer wie immer ohrenbetäubenden Mehrzweckhalle mit hundert zu spät Gekommenen, die auf das 1,5-Quadratmeter Original-Wienerschnitzel warteten, dank Superdelegationsleiterin Dita wir CHs aber genug früh da und bestens sofort verpflegt, und jetzt kommt der Hammer:

Wir, die CH-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, die gerade trotz dieser gemeinsam inszenierten WM-Komik ganz einfach bewundernswert mit beiden Beinen auf dem Boden stehen blieben, Spass und Frust teilten, uns gegenseitig unterstützten, blitzschnell auf Probleme richtig reagierten, einander nicht aus der Ruhe aber auf Vollgas brachten, uns ereiferten und dann wieder lachten…

 

…nous sommes champion!